Rezyklierter Brückenbeton
Erscheinungsdatum: 26.06.2025
Thomas Geuder, Der Raumjournalist
Am Übergang vom Altort zum neueren, gewachsenen Siedlungsgebiet hat sich die unterfränkische Gemeinde Niederwerrn, bei Schweinfurt, eine neue Ortsmitte eingerichtet, mit Bürgersaal, Vereinsraum, einem Café, Museum sowie der sogenannten „Energiescheune“. Auf dem Areal inmitten der bestehenden Strukturen reihen sich mehrere Plätze aneinander, das bauliche Ensemble „MITTENIM“ haben Schlicht Lamprecht Kern Architekten maßvoll in den Ort eingefügt. Ein Großteil der Materialien für die Neubauten stammt aus abgebrochenen Bauwerken, womit auch ein Zeichen für nachhaltiges Bauen und suffiziente Kreislaufwirtschaft gesetzt wird.

Seine ersten Schritte nahm das Projekt bereits im Jahr 2014, als mittels eines integrierten Stadtentwicklungskonzepts unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger zunächst der konkrete Bedarf ermittelt wurde. Demnach gab es einen großen Wunsch nach Plätzen, die von den Menschen verschieden genutzt werden können, etwa als Markt, als Theatrum für Veranstaltungen oder für die Ausübung des „Plantanzes“, einer traditionellen Volkstanzveranstaltung in der Region. So wurde das zur Verfügung stehende, langgetreckte Grundstück in eine Abfolge aus Gebäuden und Plätzen unterteilt, die nun wie an einer Perlenkette durch das Areal führen. Auf dem mittleren Dorfplatz befindet sich zusätzlich ein niedriges Wasserbecken, das durch Verdunstungskühlung das Mikroklima vor Ort positiv beeinflusst. Für zusätzliche Kühlung sorgen außerdem spezielle, dreischichtige Pflastersteine, die Niederschläge versickern, speichern und wieder verdunsten können.

Neue Materialien durch Upcycling
In seiner äußeren Form ordnet sich das neu gebaute Bürgerzentrum dem städtebaulichen Maßstab des Ortes entsprechend ein. Schlicht Lamprecht Kern Architekten haben das geforderte Raumvolumen in zwei zueinander versetzt stehende Satteldachgebäude verteilt. Der Entwurf ist als „ein Haus aus Holz und ein Haus aus Stein“ entwickelt, womit das Bürgerzentrum vorrangig den Wunsch nach einem Projekt mit Modellcharakter im Sinne einer nachhaltigen Bauweise und einer suffizienten Zirkularität im Bausektor erfüllt: Der westliche Flügel, das Haus aus Stein also, sowie das Fundament und das Sockelgeschoss des östlichen Flügels bestehen aus rund 700 m³ Recyclingbeton aus einem nahegelegenen Betonwerk. Das Abbruchmaterial, das für die Herstellung des Betons als zusätzliche Zuschlagskörnung upgecycelt wurde, stammt aus der in den 1960er-Jahren gebauten und 2019 abgerissenen Talbrücke Rothof nahe dem rund 40 km entfernten Würzburg. Optisch wollte es das Architekturteam aber beim einfachen Beton nicht belassen: Die sichtbaren Oberflächen haben sie anschließend mit den traditionellen Handwerkstechniken des Scharrierens und Spitzens bearbeiten lassen und dadurch noch einmal deutlich aufgewertet. Durch die Zusammensetzung des Recyclingmaterialzuschlags ergibt sich zudem im Wandverlauf ein leichtes Changieren der Farbigkeit, was dem Erscheinungsbild der Neubauten eine frische Lebendigkeit verleiht.

Natürliche Innenraumatmosphäre
Das „Haus aus Holz“ besteht über dem Betonsockel, der durch den Höhenunterschied im Gelände gleichzeitig Untergeschoss und Eingangsfoyer ist, komplett aus Holz. Die Massivwände aus Fichte harmonieren optisch mit dem Sichtbeton, die Böden aus Esche tragen zu einer angenehmen Raumatmosphäre bei. Statt der für gewöhnlich eingebauten Mineralwolle ist hier Holzwolle eingesetzt, außerdem konnte – bis auf wenige Ausnahmen – auf jegliche Folie und Verklebung verzichtet werden. Für das Museum in dem historischen Wohnhaus direkt daneben folgten die Architekten der Idee einer „Vitrine“, haben also das Erdgeschoss gänzlich entkernt und das alte Fachwerkhaus nach Norden hin geöffnet. Um der farbenfrohen Sammlung aus einem Jahrhundert Lebensmitteleinzelhandel eines traditionsreichen Niederwerrner Ladengeschäfts einen entsprechenden Hintergrund zu geben, ist der Raum auf der Holzweichfaser-Innendämmung mit einem hellen Lehm-Stroh-Gemisch verputzt.

Nachhaltiges Energiekonzept
Das jetzt „Energiescheune“ getaufte Gebäude ist bereits auf der ersten Kartierung Bayerns aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sehen. In dem sanierten Bau soll das Thema der Nachhaltigkeit sichtbar werden, indem alle Materialien und Ausbesserungen gut sichtbar bleiben. Der Recyclingbeton ist hier als Dränbeton eingebracht, was optisch an Stampflehm erinnert. Hier ist auch die Gebäudetechnik für das gesamte Ensemble untergebracht: In einsehbaren Holzboxen finden sich zwei Luft/Wasser-Wärmepumpen, eine Pelletheizung sowie die Geräte für die Photovoltaikanlage, deren Module sich auf zwei der Dächer befinden. Die Energiescheune versorgt das gesamte Areal über ein Nahwärmenetz, wobei künftige Bauvorhaben – es soll noch eine Kinderbücherei gebaut werden – bereits eingeplant sind.
