Floor Frings: Im Mittelpunkt steht die Schaffung einer nachhaltigen Gesellschaft
Erscheinungsdatum: 03.09.2026
Dies ist eine überarbeitete Übersetzung eines Originalartikels von Michiel van Raaij
In jeder Aufgabe sieht Werkstatt Chancen, zu einer in allen Bereichen nachhaltigen Lebensumwelt beizutragen. In Nieuwegein (den Niederlanden) entwarf das Büro einen Busbahnhof mit einem sehr leichten Dach, von dem aus Wasser über mit Moosen bewachsene Betonstützen in Versickerungsmulden geleitet wird. In Eindhoven hat das Büro verschiedene Wohnprojekte gestaltet, in denen Einrichtungen gemeinsam genutzt werden und Raum für Begegnungen geschaffen wurde. Am Mittwoch, den 9. September, hält die Architektin Floor Frings von Werkstatt einen Vortrag auf der ARCHITECT@WORK in Rotterdam. Ein Gespräch im Vorfeld.


„Beim Busbahnhof in Nieuwegein wurde eine grüne und nachhaltige Überdachung gewünscht. Diese Vorgabe ließ vermuten, dass das Busdach mit Pflanzen begrünt werden sollte. Doch dafür wird vergleichsweise viel Material benötigt, und die Bepflanzung hat es im Sommer oft schwer“, erzählt die Architektin Floor Frings von Werkstatt. „Deshalb haben wir zunächst einen Schritt zurückgemacht und uns auf den Kern der Aufgabe konzentriert: eine Überdachung zu entwerfen, die Fahrgästen in Nieuwegein bei Regen Schutz bietet.“
„Das Besondere am Regen ist, dass er beispielsweise auf eine Zeltplane trommeln oder sogar rauschen kann“, fährt Floor fort. „Könnten wir dieses Erlebnis zu einem Teil des Busbahnhofs machen? Und ließe sich das mit Bäumen und Pflanzen im natürlichen Boden verbinden?“
Werkstatt entwickelte schließlich ein sehr leichtes Dach aus hohen Holzfachwerkträgern, über die ETFE-Folie gespannt wurde. Das Dach ruht auf drei breiten Betonstützen, über die das Regenwasser zum Boden abgeleitet wird. Durch eine porösere Spritzbetonoberfläche können sich auf den Stützen verschiedene Moose ansiedeln. Am Boden stehen die Stützen in Versickerungsmulden (Wadis), in denen niedrige und höhere Pflanzen wachsen können. Bei Starkregen kann überschüssiges Wasser vorübergehend unterirdisch gespeichert werden.

Entwerfen aus den Kernwerten eines Projekts heraus
„Im Zentrum unserer Arbeit steht die Ambition, eine in jeder Hinsicht lebenswerte Gesellschaft zu schaffen, von der Menschen, Pflanzen und Tiere profitieren“, erklärt Floor. „Das Ziel, die CO₂-Emissionen beim Bauen und im Betrieb zu reduzieren, ist dabei selbstverständlich. Aber dazu gehört auch, gesellschaftliche Unterschiede zu verringern, soziale Dynamiken zu fördern und Raum für Natur zu schaffen. Wir verfolgen dabei einen wirklich ganzheitlichen Ansatz.“
In den ersten Projekten von Werkstatt lag der Schwerpunkt stark auf biobasiertem Bauen. Mit dem Wachstum des Büros und der zunehmenden Größe der Projekte hat sich dieser Fokus etwas differenziert.
„Bei einem Einfamilienhaus für private Bauherren mit entsprechendem Budget kann man vollständig auf nachhaltige Materialien wie Holz und Kalkhanf setzen“, sagt Floor. „Beim Projekt CPO meer&deel standen wir jedoch vor dem Dilemma: Entscheiden wir uns für eine zu 100 Prozent biobasierte Materialisierung, die teurer ist und dadurch einen großen Teil der Gruppe ausschließt? Oder machen wir einen Kompromiss und führen die Geschossdecken in Beton aus, damit mehr Menschen dort wohnen können? Wir haben uns für Letzteres entschieden, und ich bin stolz darauf, dass nun tatsächlich möglichst viele der beteiligten Haushalte dort wohnen!“
„Zu Beginn jedes Entwurfsprozesses definieren wir die Kernwerte des Projekts“, erläutert Floor. „Dazu gehört die Frage: Was gehört wohin, und was ist wo möglich? Letztlich geht es immer darum, unterschiedliche Interessen gegeneinander abzuwägen.“
Hinzu kommt, dass Werkstatt beobachtet, dass das Bauen mit niedrigen materialbedingten CO₂-Emissionen branchenweit zum Standard wird. Diese Entwicklung ist bereits im Gange. Dadurch gewinnt das Büro die Freiheit, sich verstärkt auf all jene anderen Aspekte zu konzentrieren, die Architektur großartig machen.


CPO meer&deel - © Bram Berkien
Unterstützung von Gemeinschaftsbildung
Beim Entwurf des Projekts CPO meer&deel in Eindhoven, Gewinner des Dirk-Roosenburg-Preises 2025, bestand die Herausforderung darin, ein gutes Gleichgewicht zwischen Gemeinschaft und Privatsphäre zu schaffen, erklärt Floor. Die Bewohner sollten sich leicht begegnen und miteinander in Kontakt treten können, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen.
Die Lösung besteht aus einer Abfolge von Räumen, einem Übergang von öffentlich zu privat. Zwischen den rational angeordneten Wohngebäuden öffnen sich Ecken zur Stadt. Die Gemeinschaftsräume befinden sich in den „Scharnieren“ der Bebauung. Die Wohnungen verfügen über tiefe Veranden, die mit den Nachbarn geteilt werden und über die man teilweise an anderen Wohnungen vorbeigehen muss, um die eigene zu erreichen.
Etwas weiter entfernt in Eindhoven wurde kürzlich mit dem Bau von Klein Strijp begonnen. Das Projekt umfasst rund 160 Sozialwohnungen sowie etwa 60 Wohnungen innerhalb einer Wohnungsgenossenschaft. Wie bereits bei meer&deel war auch hier die Förderung von Gemeinschaft ein zentraler Wert.
„Deshalb wurden die Laubengänge bei Klein Strijp zu Aufenthaltsgalerien, auf denen man sich leicht begegnet, ins Gespräch kommt und draußen sitzen kann.“
„Aus dieser Entscheidung ergab sich die Konsequenz, dass dort keine Schlafzimmer liegen sollten, da das Konzept sonst langfristig weniger gut funktionieren würde. Das erforderte Wohnungen mit einer Ausrichtung zu zwei Seiten. Da das Projekt Wohnungen unterschiedlicher Größe umfasst, war dies bei den kleineren Einheiten eine besondere Herausforderung. Es wäre einfach gewesen, hier einen Kompromiss einzugehen, aber wir haben daran festgehalten und nach einer Lösung gesucht. Schließlich entwickelten wir eine Struktur aus L-förmigen Grundrissen, die diese zweiseitige Ausrichtung für alle Wohnungen ermöglicht.“
„Ein weiteres zentrales Prinzip bei Klein Strijp war die Verbindung aller Dachgärten miteinander. Auch das war aufgrund ihrer unterschiedlichen Höhenlagen eine Herausforderung, aber sie konnte erfolgreich umgesetzt werden“, erzählt Floor begeistert.
Während meer&deel eher ein kleines Quartier bildet, ist Klein Strijp Teil eines großstädtischen Baublocks. Doch auch hier hat Werkstatt einen Übergang von öffentlichem zu privatem Raum geschaffen. Die Gemeinschaftsbereiche wurden stärker an die Außenseite des Blocks verlegt, um Verbindungen zur Nachbarschaft und zur Stadt zu fördern. Im geschützten Innenhof entsteht dagegen Raum für Kinder zum Spielen.

Schönheit durch Materialität
Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen fertigt Floor gerne Modelle und Mock-ups ihrer Entwürfe an. Dies geschieht in der Werkstatt des Büros, auf die auch der Name „Werkstatt“ verweist.
„Gerade in der Materialisierung unserer Entwürfe suchen wir nach Schönheit“, erklärt sie.
„Diese Schönheit liegt in einer ehrlichen Detailausbildung mit besonderer Aufmerksamkeit für Reliefs, Laibungen und die Textur der Fassaden“, fährt sie fort. „Beim Entwurf des Busbahnhofs in Nieuwegein haben wir beispielsweise ein Mock-up der Dachrinne erstellt, um ihre Funktionsweise und Gestaltung wirklich zu durchdringen und zu optimieren.“
Bei der Materialwahl kennt das Büro keine Tabus, empfindet jedoch für jedes Material eine große Verantwortung. Werkstoffe mit hoher materialbedingter CO₂-Belastung, wie Stahl und Beton, werden als „kostbare“ Materialien betrachtet, da ihre Umweltwirkung entsprechend hoch ist.
„Wir setzen Stahl und Beton nur dort ein, wo sie einen echten Mehrwert bieten, und so, dass sie später wiederverwendet werden können“, erklärt Floor. Am wohlsten fühlt sie sich jedoch bei der Arbeit mit neuen, nachhaltigen Materialien.
„Für Klein Strijp haben wir einen Putz entwickelt, dem zerkleinerte gebrauchte Ziegelsteine beigemischt sind. Dadurch erhält man einen Teil der Ausstrahlung einer Ziegelfassade, jedoch bei deutlich geringerer Schichtdicke und somit wesentlich geringerer Umweltbelastung. Bei Klein Strijp konnten wir dieses Material letztlich noch nicht einsetzen. Aber die Muster liegen bereits in der Werkstatt von Werkstatt bereit und warten auf ihr nächstes Projekt!“