Architektur neu denken
Erscheinungsdatum: 01.10.2026
Barbara Jahn
Was ist schlecht an einem bestehenden Gebäude, wenn seine zukünftige Funktion nicht der entspricht, für die es ursprünglich errichtet wurde? Stimmt: Gar nichts. Das Berliner Büro Kinzo erkennt die Potenziale scheinbar nutzlos gewordener Architekturräume und belebt sie mit frischen Ideen, die aus etwas Altem etwas großartiges Neues entstehen lassen.

Das Bike Parking im Center am Potsdamer Platz nach einem Entwurf von Kinzo ist eine Investition in die Zukunft gleich in mehrerlei Hinsicht: Aus einer tristen ehemaligen Einkaufspassage wurde ein Paradies für Radfahrer.
Das Berliner Architekturbüro Kinzo zählt zu den führenden Büros im Bereich der Transformation von Bestandsgebäuden und der Gestaltung zukunftsfähiger Arbeitswelten. Seit seiner Gründung im Jahr 2005 verfolgt Kinzo einen ganzheitlichen Planungsansatz, der Architektur, Innenarchitektur und Nutzerbedürfnisse miteinander verbindet. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Bauen im Bestand, bei dem bestehende Gebäude durch Umnutzung, Revitalisierung und ressourcenschonende Weiterentwicklung an neue Anforderungen angepasst werden. Anstatt Gebäude zu ersetzen, setzt Kinzo auf den Erhalt vorhandener Bausubstanz und entwickelt daraus nachhaltige, identitätsstiftende Orte. Dabei versteht das Büro Bestandsgebäude nicht als Einschränkung, sondern als Potenzial für innovative und zukunftsorientierte Architektur. Dieser Ansatz verbindet ökologische Verantwortung mit hoher gestalterischer Qualität und macht das Bauen im Bestand zu einem zentralen Bestandteil einer nachhaltigen Baukultur.

Das Center am Potsdamer Platz.
Dass dies bei Kinzo nicht nur eine Philosophie ist, sondern gelebte Arbeitskultur, zeigt sich in vielen Projekten, die aus dem Vorgefundenen neues Zeitgenössisches hervorbringen, die Geschichte des jeweiligen Gebäudes allerdings nicht verstecken, sondern spannend weitererzählen. So entwickelte Kinzo unter anderem für ein internationales Beratungsunternehmen neue Büroflächen im ehemaligen Sony Center, heute genannt „Das Center“ am Potsdamer Platz. Grundlage des Umbaus war die bestehende Gebäudestruktur, die durch eine Neuorganisation der Grundrisse an aktuelle Arbeitsformen angepasst wurde.
Die Bürofläche wurde verdichtet und um unterschiedlich nutzbare Bereiche für Einzelarbeit, Besprechungen, Begegnung und Rückzug ergänzt. Die Glasarchitektur des Bestandsgebäudes von Helmut Jahn wird im Innenraum durch Holz, Textilien und ein auf den Tageslichtverlauf abgestimmtes Farbkonzept ergänzt. Ein biodynamisches Beleuchtungssystem und das in akustische Holzwände integrierte Schwerkraftkühlsystem Gravivent erweitern den Bestand um energieeffiziente Gebäudetechnik. Vorhandene Pflanzen aus dem bisherigen Büro wurden in das neue Konzept übernommen und weiterverwendet.


© Robert Rieger - Das Center am Potsdamer Platz.
Mit dem Bike Parking am Potsdamer Platz transformiert Kinzo eine ehemalige unterirdische Einkaufspassage in eine zukunftsfähige Mobilitätsinfrastruktur. Der zuvor schmale, fensterlose Durchgang mit leerstehenden Ladenflächen wurde zu einem öffentlichen Fahrradparkhaus mit über 200 Stellplätzen für Fahrräder aller Art sowie E-Scooter, Segways und Skateboards umgebaut.
Als Teil der Revitalisierung des Potsdamer Platzes stärkt das Projekt die Anbindung zwischen U- und S-Bahnhof sowie dem Center und reagiert auf den Wandel hin zu nachhaltiger Mobilität. Die Herausforderung bestand darin, einen vollständig unterirdischen Raum intuitiv nutzbar, sicher und einladend zu gestalten.
Das Gestaltungskonzept greift die Geometrie eines Fahrradreifens auf und nutzt Licht, Farbe und maßgefertigte Elemente, um Orientierung zu schaffen und die ursprüngliche Passage in einen identitätsstiftenden, hochwertigen Stadtraum mit neuer Funktion zu verwandeln.


© Simon Schnepp - Das Bike Parking im Center am Potsdamer Platz.
Im denkmalgeschützten Admiralspalast in Berlin verwandelte Kinzo die ehemaligen Jugendstil-Thermen in den Hauptsitz eines digitalen Unternehmens. Die historische Bäderstruktur wurde nicht überformt, sondern als Grundlage für den neuen Grundriss genutzt.
Freigelegte Mosaike, Art-Déco-Fenster, Stahlträger und gusseiserne Säulen wurden restauriert und in die neue Arbeitswelt integriert. Ehemalige Badebereiche erhielten neue Funktionen: Das Damenbad wurde zum zentralen Treffpunkt mit einer ovalen Sitzlandschaft, der Ruheraum zu einer ruhigen Arbeitsbibliothek mit maßgefertigten Alkoven.
In der acht Meter hohen Halle ergänzt eine umlaufende Galerie die historische Architektur und schafft zusätzliche Arbeits- und Rückzugsbereiche. Themenräume setzen gezielte Akzente innerhalb der offenen Bürolandschaft. So entstand ein Arbeitsort, der die Identität des historischen Bestands bewahrt und gleichzeitig auf die Anforderungen zeitgemäßer Zusammenarbeit und hybrider Arbeitsformen reagiert.


© Sebastian Dörken - Der Admiralspalast.
Für die DHZB Stiftung wurde die denkmalgeschützte Beletage zu einer zeitgemäßen Arbeitslandschaft umgebaut, ohne die historische Identität des Gebäudes zu überformen.
Historische Elemente wie Fenster, Holzböden und Teile des ehemaligen Archivregals blieben erhalten und wurden mit maßgefertigten Einbauten sowie Materialien wie Linoleum und zeitgenössischem Mobiliar kombiniert. Ein durchgängiges Rot strukturiert die rund 800 Quadratmeter große Fläche und verbindet die verschiedenen Arbeitsbereiche. Der jahrzehntelang ungenutzte Hörsaal wurde mit integrierter LED-Wand zu einem flexibel nutzbaren Veranstaltungs- und Workshop-Raum transformiert.
Offene Teamflächen, eine zentrale Küche und Rückzugsbereiche schaffen unterschiedliche Arbeitssettings für rund 20 Mitarbeitende. Das Projekt zeigt, wie denkmalgeschützte Architektur durch gezielte Eingriffe an heutige Anforderungen angepasst werden kann, ohne ihre Geschichte zu verlieren.


© Clemens Poloczek - Tech Hub der Stiftung Deutsches Herzzentrum Berlin.
Für die Berliner Niederlassung von Freshfields Bruckhaus Deringer gestaltete Kinzo rund 3.000 Quadratmeter Bestandsflächen im Kollhoff Tower zu einer zeitgemäßen Arbeitsumgebung um. Die bestehende Bürostruktur wurde zugunsten gemeinschaftlicher Nutzung neu organisiert: Ehemalige Eckbüros mit den besten Ausblicken wurden zu Lounges, Besprechungsräumen und einer Cafeteria, Flure aufgeweitet, Teeküchen vergrößert und eine offene Treppe verbindet die drei Etagen.
Transparente Glaswände ersetzen geschlossene Trennwände und schaffen neue Sichtbezüge, während die historische Innenfassade mit Holzfenstern erhalten und in neue Einbauten integriert wurde. Prägende Gebäudekerne erhielten eine einheitliche Gestaltung mit petrolfarbenen Vertikallamellen. Flexible Einzel- und Doppelbüros nach dem Hotelling-Prinzip ergänzen das Konzept.
So entstand aus einer klassischen Kanzleistruktur eine offene, wohnlich wirkende Arbeitslandschaft mit stärkerem Fokus auf Austausch und gemeinschaftliche Nutzung.

Freshfields im Kollhoff Tower in Berlin.
„Gebäude verlieren nicht ihre Substanz, sondern ihre Nutzung und genau da setzen wir an. Die spannendste Frage ist: Was kann ein Haus, das seinen ursprünglichen Zweck verloren hat, morgen sein?“ ist Chris Middleton, Co-Founder Kinzo und einer der Vortragenden auf der Berliner Edition der ARCHITEC@WORK 2026, überzeugt.
„Mit Umnutzungskonzepten, die Bestand revitalisieren, geben wir Gebäuden eine zweite Lebenszeit und schaffen Orte, an die Menschen gerne zurückkehren. Das ist der wirksamste Beitrag, den Architektur zur Stadt von morgen leisten kann.“
