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POINT OF VIEW

Architektur der Zeit: ein Interview mit Marlena Wolnik

Erscheinungsdatum: 12.02.2026

Dies ist eine Übersetzung eines Originalartikels von Anna Domin

In zeitgenössischen Architekturwettbewerben wird zunehmend davon Abstand genommen, spektakuläre Gebäude zu prämieren, die auf hochfliegenden Ideen basieren. Stattdessen achten die Juroren immer öfter auf eine Architektur der Empathie, also eine Architektur, die sich dem Menschen, der Gesellschaft und dem realen Kontext des Ortes annähert. Durch diese Verlagerung der Schwerpunkte gewinnen Planungsansätze, die auf Achtsamkeit, Verantwortung und langfristigem Denken basieren, an Bedeutung – und damit werden auch die Stimmen von Frauen in der Architektur immer deutlicher hörbar.

Eine dieser Stimmen ist die der polnischen Architektin Marlena Wolnik, die zweimal für den Mies-van-der-Rohe-Preis der Europäischen Union nominiert wurde. Marlena Wolnik spricht nicht von Architektur in Begriffen wie „Spektakel” oder „Ehrgeiz”. Ihre Sprache ist ruhig, präzise und tief in der Erfahrung verwurzelt. Die von ihr entworfenen Projekte stehen seit Jahren auf den internationalen Listen der Architekturwettbewerbe in Europa. Sie selbst betont jedoch, dass Architektur für sie nie ein Weg zu Auszeichnungen war. Für sie ist es ein langwieriger Prozess der Verantwortung gegenüber dem Ort, den Menschen und der Zeit, in dem alles betrachet wird.

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Bartek Barczyk

Zunächst möchte ich Ihnen zu Ihrer Nominierung für den Mies-van-der-Rohe-Preis der Europäischen Union für den Entwurf des Sitzes der Wirtschaftskammer Zagłębie in Dąbrowa Górnicza gratulieren. Dies ist jedoch nicht Ihre erste Nominierung. Im Jahr 2022 wurde das von Ihnen entworfene Zentrum für lokale Aktivitäten in Rybnik in die sogenannte „Shortlist” der vierzig besten Projekte aufgenommen, die für denselben Preis nominiert wurden. Von außen betrachtet könnte man diese Auszeichnungen als einen sehr konsequenten Weg zum Erfolg interpretieren. Wie definieren Sie heute, aus der Perspektive Ihrer langjährigen Arbeit und vielfältigen Erfahrungen, Erfolg in der Architektur? Was entscheidet darüber, dass ein Projekt – unabhängig von seinem Umfang – für Sie wirklich wertvoll und beachtenswert ist?

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Michał Jędrzejowski

Zentrum für lokale Aktivitäten

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Bartek Barczyk

ZIG-Hauptsitz – Dąbrowa Górnicza

Für mich beginnt Erfolg ganz einfach damit, ob sich ein Projekt im Leben bewährt. Es muss den Erwartungen des Auftraggebers entsprechen, unabhängig davon, ob es sich um eine Privatperson oder eine öffentliche Einrichtung handelt. Architektur existiert nicht im luftleeren Raum, sie ist kein Bild, das an der Wand hängt. Sie wirkt in der Zeit und im Alltag. Ein zweiter, ebenso wichtiger Maßstab ist die Zeitlosigkeit. Wenn ich nach einem Jahr, nach fünf oder zehn Jahren auf ein Projekt zurückblicke und denke, dass ich es genauso noch einmal machen würde, dann bedeutet das, dass die Grundidee richtig war. Natürlich kommt immer der Gedanke auf, dass man etwas hätte verbessern können. Wenn die Grundidee jedoch Bestand hat, das Projekt nichts von seiner Aussagekraft verliert und sich weiterhin gut in den Kontext des Ortes einfügt, dann bedeutet das, dass etwas Bleibendes darinsteckt. Architektur ist eine Kunst, die besonders stark mit der Zeit verbunden ist – nur die Zeit kann sie wirklich überprüfen. Deshalb ist diese Bewährungsprobe für mich so wichtig. Erst als ich für den EU Mies Award nominiert wurde und es unter die „Top 40” schaffte, begann ich, genauer hinzuschauen und zu verstehen, worauf es bei diesem Wettbewerb wirklich ankommt. Damals wurde mir klar, dass der Einfluss der Architektur auf das Leben der Menschen entscheidend ist – unabhängig vom Umfang des Projekts. Ein kleines Objekt in einer kleinen Stadt kann prozentual genauso stark wirken wie ein großes Projekt in einer Großstadt. Es zeigte sich, dass Projekte, die auf Beziehungen und Gemeinschaft basieren, einfach funktionieren. Die Auszeichnungen oder Nominierungen selbst waren für mich nie das Ziel. Sie sind eine große Ehre und etwas sehr Schönes, aber sie bleiben immer nur eine Begleitung meiner Arbeit. Am wichtigsten ist, dass ein Projekt Sinn macht, funktioniert und sich im Laufe der Zeit bewährt.

Sie leiten Ihr eigenes Büro und führen komplexe Projekte durch, die nicht nur eine Vision, sondern auch schwierige Entscheidungen erfordern. Welche Kompetenzen haben sich für Sie neben dem eigentlichen Entwerfen als entscheidend erwiesen?

Rückblickend ist Selbstbestimmung für mich von großem Wert. In meiner beruflichen Laufbahn gab es sehr schwierige Momente, die mich viel Kraft und Energie gekostet haben. Das hat mich gelehrt, dass es manchmal besser ist, etwas abzubrechen, statt darauf zurückzukommen und in einer Situation nicht zu verharren, die einen erschöpft. Heute weiß ich, dass Gesundheit und innerer Frieden wichtiger sind als Recht haben zu wollen, Ambitionen zu verfolgen oder anderen etwas beweisen zu wollen. Deshalb schätze ich es sehr, Entscheidungen treffen zu können und die Verantwortung dafür selbst zu übernehmen. Was ich selbst aufgebaut habe, hat für mich einen besonderen Wert, weil es mir zu hundert Prozent gehört. Dieser Zustand der Selbstbestimmung gibt mir eine Ruhe, die durch keine äußere Anerkennung und keine Auszeichnung ersetzt werden kann.

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Jarosław Matla

Residenz in der Nähe von Katowice

In Ihren Äußerungen kommt häufig das Thema der Arbeit mit bestehenden Substanzen zur Sprache: Anpassung, Umgestaltung und das Einhauchen neuen Lebens in das, was bereits vorhanden ist. Woher kommt dieses Bedürfnis?

Die Arbeit mit bestehenden Gebäuden hat mich schon immer fasziniert. Das ist viel schwieriger als das Entwerfen von Grund auf. Es ist ein bisschen wie eine Gleichung mit vielen Unbekannten: Man muss sie so lösen, dass die endgültige Funktion den Bedürfnissen des Auftraggebers entspricht und das Bestehende gleichzeitig respektiert wird. Heute wird viel darüber gesprochen, keine neuen Gebäude zu errichten, sondern bestehende zu adaptieren, um ökologisch verantwortungsbewusst zu handeln. Für mich war das schon immer intuitiv. Genauso wie die Sensibilität für die Landschaft, die Bäume und die Natur. Jetzt wird das von der Welt direkt benannt und systematisiert, aber ich hatte schon immer das Gefühl, dass es einfach richtig ist.

Heutzutage wird immer häufiger über die Krise der Beziehungen und den Verfall von Werten gesprochen, auch im Zusammenhang mit Verantwortung und Vertrauen. Gleichzeitig erwarten wir genau das immer häufiger von unseren Geschäftspartnern und Dienstleistern. In der Architektur erstreckt sich diese Beziehung häufig über viele Jahre, oft auch nach Abschluss des Projekts. Wie sieht Ihre Beziehung zu Ihren eigenen Projekten nach Jahren aus? Kehren Sie zu ihnen zurück, und beobachten Sie, wie sie heute funktionieren?

Centrum Aktywności Lokalnej - Rybnik - fot. Bartek Barczyk.jpg
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Bartek Barczyk

Zentrum für lokale Aktivitäten - Rybnik

Ja, ich kehre sehr gerne zu meinen Projekten zurück. Ich habe gute Beziehungen zu Auftrageber*innen und sehe oft, wie diese Orte ohne meine Beteiligung funktionieren. Eines der größten Komplimente war für mich, als die Besitzerin eines von mir entworfenen Hauses nach Jahren gefragt wurde, was sie daran ändern würde, und antwortete: „Nichts”. Private Architektur entzieht sich mit der Zeit der Kontrolle des Architekten. Sie wechselt die Eigentümer und wird manchmal umgebaut. Umso wichtiger ist es, dass das ursprüngliche Konzept so stark ist, dass es den Test der Zeit besteht. Im Fall des Zentrums für lokale Aktivitäten habe ich den Vorteil, vor Ort zu sein und beobachten zu können, wie dieser Ort im Alltag funktioniert. Dabei wird sehr deutlich, dass selbst ein kleines Projekt für die lokale Gemeinschaft von großer Bedeutung sein kann.

In Ihren Äußerungen vermeiden Sie es ganz bewusst, Architektur in „weiblich” und „männlich” zu unterteilen. Gleichzeitig wird heute immer mehr über Veränderungen im Beruf und darüber, wer das Wort ergreift, gesprochen. Was hat sich Ihrer eigenen Erfahrung nach in der Architektur wirklich verändert?

Ich war immer der Meinung, dass es in gute und schlechte Architektur, aber nicht in weibliche und männliche Architektur unterteilt werden sollte. Auf der Baustelle denke ich, was mich selbst betrifft, nicht in Geschlechterkategorien nach. Ich bin dort, um ein konkretes Problem zu lösen und meine Arbeit zu erledigen. Rückblickend sehe ich jedoch sehr deutlich, dass viele Verhaltensweisen, die früher als normal galten, schlichtweg inakzeptabel waren. Dass sie heute beim Namen genannt werden, ist nicht von selbst geschehen. Es ist das Ergebnis des Mutes von Frauen, die begonnen haben, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Diese Veränderung ist notwendig, aber es ist auch wichtig, dass sie nicht das Wesentliche in der Architektur überschattet. Letztendlich zählen Qualität, Verantwortung und Sinn des Entwurfs. Sie entscheiden über den Wert der Architektur – und nicht das Geschlecht der Person, die sie schafft.

Zum Schluss: Wenn Sie jungen Architekt*innen zu Beginn ihrer Karriere einen Ratschlag geben müssten, was wäre Ihnen dabei am wichtigsten?

Ich gebe nicht gerne Ratschläge, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden und seine eigenen Erfahrungen machen. Wenn ich jedoch etwas nennen müsste, das für mich selbst wichtig war, dann wäre es, Dinge im Einklang mit sich selbst zu tun. Wenn Sie das Gefühl haben, eine gute, ehrliche Idee zu haben, lohnt es sich, daran festzuhalten und sie zu verteidigen. Architektur erfordert Mut und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Fehlt diese, verliert selbst ein korrektes Projekt seinen Sinn. Für mich ist das absolut grundlegend.

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